Leseprobe 1:

1900

Dichter Nebel verhüllte den dunklen Fluss.
Es dämmerte bereits und durch die Nebelschwaden konnte man undeutlich die Positionslichter der Schiffe erkennen. Ab und zu zerriss der Klang eines Nebelhorns die unheimliche Stille, doch ansonsten war kein Laut zu hören. Die Welt wirkte wie in Watte gepackt.

Der Mann humpelte eilig über den Deich. Er war in einen dicken Mantel gehüllt, um sich vor der unerbittlichen Kälte zu schützen. Sein Kragen war bis zur Nasenspitze hochgezogen und verdeckte zur Hälfte das alte, von tiefen Falten durchzogene Gesicht. Die stahlgrauen, hart, aber dennoch gütig blickenden Augen, irrten suchend umher. Kleine Dampfwölkchen stiegen jedes Mal empor, wenn der Alte hastig ausatmete.
  
Seine Hände steckten in dicken Lederhandschuhen. Mit der Rechten stützte er sich auf einen Stock, der sehr ungewöhnlich aussah. Er bestand aus einem seltsamen, grünlich schimmernden Material und der Griff hatte die Form eines Drachenkopfes. Das Maul des Tieres war zum Angriff weit geöffnet und die smaragdgrünen Augen leuchteten trotz der beginnenden Dunkelheit unheimlich. Der Stock war nicht gerade, sondern verlief wellenförmig bis zur Spitze.
  
Während er weitereilte, fragte der alte Mann sich nicht zum ersten Mal an diesem Abend, warum er bei dieser Kälte eigentlich hier war. Viel lieber säße er jetzt daheim vor dem warmen Kamin. Doch natürlich kannte er auch die Antwort auf seine Frage. Er wusste, dass er keine andere Wahl gehabt hatte. Er musste an diesem Abend hier sein, so stand es seit Jahrhunderten geschrieben.
  Er fröstelte und zog den Kragen noch ein Stückchen höher, um sich gegen die Feuchtigkeit und die Kälte zu schützen. Inzwischen war es so dunkel und nebelig, dass er keine zwei Meter weit blicken konnte.

Ein schriller Pfiff zerriss die Stille. Der Mann zuckte erschrocken zusammen. Ein schier unerträglicher Lärm folgte, als eine Dampflokomotive samt Anhängern über die Schienen der nahe vor ihm liegenden Eisenbahnbrücke ratterte. Langsam klang das Geräusch ab, als er Zug sich wieder entfernte.
  Erleichtert atmete der Mann auf. In dem dichten Nebel hatte er nicht gesehen, wie nahe er der Brücke schon gekommen war. Doch jetzt war er fast am Ziel. Er ging ein wenig langsamer. Als er unter der Brücke angelangt war, blieb er stehen. Suchend blickte er sich um.
  "Hallo?", flüsterte er zaghaft in die Dunkelheit hinein. Als nichts geschah, wiederholte er seine Frage, diesmal ein wenig lauter. "Hallo?"

Erst als er sich ganz sicher war, dass er sich alleine unter der Brücke befand, trat er an einen der riesigen Pfeiler heran. Langsam schritt er die Mauer entlang und tastete dabei vorsichtig die einzelnen, großen Steinquader ab. Ab und zu hielt er inne und stemmte sich gegen einen der Quader.
  Plötzlich vernahm er ein Geräusch. Es klang, als würden Steine übereinander schleifen. Schnell trat der Mann von der Mauer zurück. Sein Herz klopfte wild.

In dem steinernen Brückenpfeiler hatte sich wie durch Zauberei eine Öffnung aufgetan.
  
"Hallo?!", rief der Mann. "Ist da jemand?"  Doch er bekam keine Antwort.
  Langsam ging er auf die Öffnung zu, die von innen durch ein warmes Licht erhellt wurde. Sie war mannshoch, sodass er bequem hätte hindurch gehen können. Doch zunächst beugte er sich nur vorsichtig vor, um zu sehen, was sich hinter der Öffnung verbarg.
  "Hallo?!", rief er abermals, obwohl er inzwischen ahnte, dass er keine Antwort zu erwarten hatte.

Hinter der Öffnung führte eine in einen Fels gehauene Treppe steil in die Tiefe. Der alte Mann zögerte, die Stufen hinab zu steigen. Auf einmal fühlte er eine Art Furcht, obwohl er sich sein ganzes Leben auf diesen Augenblick vorbereitet hatte.
  Noch einmal blickte er zurück in die Dunkelheit und den Nebel. Von weitem ertönte der Pfiff einer weiteren Lokomotive. Der Mann schüttelte sich, als könne er so die Furcht vertreiben. Dann drehte er sich hastig um und schritt durch die Öffnung. Ohne sich noch einmal um zu sehen stieg er mit vorsichtigen Schritten die Stufen hinunter, einem ungewissen Schicksal entgegen.

Hinter ihm schloss sich die Öffnung wie von Geisterhand. Das Geräusch der Steine, die sich langsam wieder zusammensetzten, wurde von dem Donnern des heran nahenden Zuges übertönt.

 

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